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DIE STADT VICENZA UND DIE VILLEN PALLADIOS IN VENETIEN

icona patrimonio sito UNESCO
SERIELLES WELTKULTURERBE
DOSSIER UNESCO: 712
VERLEIHUNGSSTADT: PHUKET, THAILAND
VERLEIHUNGSJAHR: 1994–1996
BEGRÜNDUNG: Die von Andrea Palladio entworfenen Gebäude sind von einem durch ständige Experimentierfreudigkeit belebten Klassizismus geprägt. Sie haben das architektonische und städtebauliche Bild der westlichen Länder entscheidend beeinflusst.

„Das Werk von Andrea Palladio, das in meiner
Erinnerung auf die weiße und blaue Essenz des
Steins bzw. der Sommernächte reduziert ist, da wo
ich geboren wurde und aufgewachsen bin, erscheint
pünktlich in meinen Träumen. Ich nutze diese
Gelegenheit, um die Hypothese aufzustellen, dass
sein Genie nicht Venetien gebunden war [...]. Seine
neoklassizistischen Erfindungen entsprechen einer
abstrakten Mathematik, mit [...] Eigenschaften, die in
Vicenza ebenso gültig sind wie in Leningrad.“

La mia repubblica, in Corriere della Sera, 23. April 1970, Goffredo Parise

Die von Andrea Palladio in den Bauten dieser UNESCO-Stätte geprägte Sprache hat die Entwicklung der westlichen Architektur mehr als drei Jahrhunderte lang beeinflusst und so einen gemeinsamen Nenner für den italienischen Nordosten, Washington, Dublin und St. Petersburg geschaffen. Die maßgeblich durch Palladio geprägte Blütezeit in der Architektur Vicenzas ist die Folge der Angliederung Vicenzas an Venedig. In dieser Zeit entwickelte sich die Stadt in eine der wichtigsten Architekturwerkstätten der Renaissance. Dank der Förderung durch Gian Giorgio Trissino, einem Dichter und Humanisten, sowie nach mehreren Studienjahren, in denen Palladio sich eingehend mit dem Erbe der Antike befasst hatte, baut Palladio 23 symbolträchtige Gebäude in die mittelalterliche Stadt. Hierbei handelt es sich um ideale Stilvorbilder, die Vicenza zu einer der Wiegen des Klassizismus machten. Vicenza ist untrennbar mit Palladio verbunden. Auch das Umland Vicenzas ist vom Stil Palladios geprägt, der sowohl ästhetisch als auch wertebezogen ist: Hier entwickelt der Architekt das Modell der Vorstadtvilla, in der Wohn- und Landwirtschaftsfunktionen zusammenfließen und im Streben nach einem idealen venetischen Arkadien neu definiert werden.

NICHT ZU VERPASSEN

„Es gibt keinen Palast, keine Villa, keine Kirche und keine Brücke in Vicenza, das nicht seinen Namen trägt.“

In Anlehnung an das, was eine der Figuren in Matteo Strukuls Roman L‘oscura morte di Andrea Palladio sagt, liegen auf diesem Rundgang durch Stadt und Land einige der größten Meisterwerke Palladios, sodass der Besucher einen Überblick über die gesamte Schaffensperiode des Architekten bekommt.
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Die Route beginnt an der
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Basilica Palladiana, das Zentrum des mittelalterlichen Vicenza. Dieses vorzeitige Sanierungsprojekt aus dem Jahr 1546 ist der erste große Prüfstein des Architekten, der in das gotische Bauwerk venezianische Fenster aus weißem Stein einsetzt. Ein Dialog der Epochen ist auch ganz in der Nähe, in der Contrà Porti, zu beobachten. An der Hausnummer 11 befindet sich der
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Palazzo Barbaran (1570), ein Bauwerk von prächtiger Eleganz. Hier wird das Museum Palladio beherbergt, das dem Werk des Architekten gewidmet ist. Hingewiesen sei hier auf den „epochalen“ Kontrast zum gegenüberliegenden
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Palazzo Thiene aus dem 15. Jh. Wenn wir in die Stradella Banca Popolare einbiegen, verläuft bis zur Stradella San Gaetano die Fassade des Palazzos aus dem 16. Jh., einem Gemeinschaftsprojekt von Palladio und Giulio Romano, ebenfalls ein großer Architekt seiner Zeit. Die letzte städtebauliche Etappe des Rundgangs befindet sich auf der Piazza Matteotti: der
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Palazzo Chiericati mit seiner charakteristischen Fassadengliederung und das
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Teatro Olimpico, dem letzten Werk des Architekten in Vicenza. Nachdem wir das Stadtzentrum verlassen haben, führt uns der Weg zurück zu den Ursprüngen des Palladio-Mythos in der
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Villa Trissino. Hier wurde das Talent des jungen Steinmetzes von seinem Lehrmeister Gian Giorgio Trissino erkannt und alsdann weiterentwickelt. Der Entwurf der Villa, die in ihrem Grundriss weiterhin eine Festung ist, stammt nicht von Palladio selbst, sondern geht auf Sebastiano Serlio zurück. An der Stradella della Rotonda steht, eingebettet zwischen den bewaldeten Berici-Hügeln, die
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Villa Almerico Capra, die den Eindruck eines Traums oder ein Déjà-vu hinterlässt Mit ihren vier Fronten, die aus dem zentralen, von einer Kuppel überragten Quader herausragen, ist sie eine der Ikonen des Palladio. Ihre harmonische Einbettung in die Landschaft erstaunt immer wieder. Danach durchqueren wir die Ebene nach Bassano del Grappa und kommen zur
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Villa Angarano. Obwohl die Villa verschiedene Bauepochen vereint, gehört sie zu den Villen, die die doppelte Gliederung zwischen dem für die Eigentümer vorgesehenen Mittelbau und den für landwirtschaftliche Zwecke vorgesehenen Schuppen in den beiden Seitenflügeln am besten veranschaulichen.

„Jeden Sommer zog so meine Schwester die
ganze Familie in das Haus an der Strada della
Commenda, in den Berici-Hügeln [...], weil
es dort nachts immer kühl war, und selbst
an den heißen und schwülen Tagen gab es
ein bisschen Wind, und es gab einen schönen
Park, wo sie und auch mein Bruder und ich, in
absoluter Freiheit vom Morgengrauen bis zur
Abenddämmerung spielten. Aber ich erinnerte
mich nicht, wir erinnerten uns nicht.“

I quindicimila passi, Vitaliano Trevisan

Die flache Landschaft von Vicenza wird im Süden von den Berici-Hügeln unterbrochen, bei denen es sich um Anhebungen marinen Ursprungs in der Schwemmebene handelt. Die Formen der Hügel sind von zerklüfteten Karstfelsen und den verschiedenen Steinbrüchen durchsetzt, die Palladios Baustellen mit dem weißen und gut zu bearbeitenden Vicenza-Stein versorgten. Die aus Wäldern, Feldern und Weinbergen bestehende Landschaft wird durch die zahlreichen Villen unterbrochen. Hier wohnten die Adligen von Vicenza immer dann, wenn sie der Stadt entfliehen wollten. Ein Beispiel dafür ist das Haus in der Strada della Commenda, um das es in Vitaliano Trevisans Werk I quindicimila passi geht.

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FÜR DIE JÜNGSTEN

„PALLADIO IST UNSTERBLICH UND HAT WEITERHIN WERKE INSPIRIERT, IN ITALIEN WIE IN DEN VEREINIGTEN STAATEN UND SOGAR IN AFRIKA!“
attività per bambini del sito UNESCO nr. 9
Mit dem Abenteuergeist der Hauptfiguren des Werks Palladio e il segreto del volto von Elena Peduzzi führt uns dieser Rundgang durch das Stadtzentrum auf den Spuren von Andrea Palladio – von seinen ersten Werken bis hin zu den letzten großen Projekten, die er seiner Wahlheimatstadt hinterließ. Unsere Besichtigungstour beginnt an einem Ort, der Andrea mit Sicherheit nicht gleichgültig ließ. Der Schatten des hohen Turms, der zur größten mittelalterlichen Festung der Stadt gehörte, erstreckt sich über die
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Piazza Castello. An der Ecke zum Corso Palladio stehen zwei Werke, die fast eine Nacherzählung des Lebens des Meisters darstellen.
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Palazzo Capra ist eines der frühesten Werke Palladios in Vicenza und es ist immer noch nicht sicher, ob es sich dabei um sein Werk handelt
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Palazzo Thiene Bonin Longare ist hingegen ein Projekt, das Palladio erst am Ende seines Lebens in Angriff nahm. Mit dem Bau wurde erst nach seinem Tod begonnen und 1608 von seinem Nachfolger Vincenzo Scamozzi vollendet. Biegen wir in den Corso Palladio ein, so kommen wir an zahlreichen architektonischen Bauwerken Palladios vorbei. Zwischen den Hausnummern 90 und 94 steht der
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Palazzo Poiana, der zwei frühere Gebäude der gleichnamigen Familie vereinigt und in der Mitte einen Durchgang hat. Biegen wir rechts in die Contrà del Monte ein, kommen wir zur überwältigenden
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Basilica Palladiana, den früheren Palazzo della Regione, dessen Außenloggia aus weißem Stein von Palladio entworfen wurde. Direkt gegenüber, erkennbar an den hohen korinthischen Backsteinsäulen, befindet sich die
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Loggia del Capitaniato, Wohnsitz des Vertreters der Republik Venedig in der Stadt. Zurück im Corso Palladio biegen wir in die Contrà San Gaetano Thiene ein. Hier steht einer der prächtigsten Palazzi von Vicenza , der
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Palazzo Thiene. In ihm vereinigt sich das Werk von zwei der größten Architekten der Renaissance: Giulio Romano und natürlich Palladio. Wir gehen noch einmal in den Corso Palladio zurück und kommen am anderen Ende zur Piazza Matteotti. Bemerkenswert ist hier die luftige Säulenhalle des
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Palazzo Chiericati. Beeindruckend ist auch das Bühnenbild des
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Teatro Olimpico, dem letzten Meisterwerk Palladios und dem ersten permanent überdachten Theater der Neuzeit. Wenn wir mehr über die Architektur Palladios erfahren möchten, gibt es keinen besseren Ort als das
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Palladio-Museum (Contrà Porti 1), das Modelle, Multimedia-Inhalte und Einblicke in die Bautechniken bietet.
sito UNESCO nr. 9 in Italia
LESEEMPFEHLUNGEN

Buchempfehlungen, um Vicenza und seine Umgebung zu erkunden.

  • Der schöne Priester, Goffredo Parise (1955). Der unschuldige junge Sergio sieht die Qualen der Erwachsenen in einem gleichzeitig surrealen und klaren Vicenza während des italienischen Faschismus. Mitten im Elend des Volkes und des schäbigen Adels der Provinz erfahren wir durch die Augen des Kindes die Geschichte des Gastone Caoduro, einem stattlichen jungen Priester und glühenden Regimeanhänger, der zum Gegenstand verbotener Träume der alten Jungfern der Pfarrgemeinde wird.
  • Opere, II, Scritti vari, Goffredo Parise (1968–86). Die in einem hartnäckigen bissigen Stil geschriebenen Texte des Parise, die zu Spannungen führten, gehen von der künstlerisch-literarischen Kritik bis hin zur Reportage, von der Polemik bis zum Feuilletonartikel. Seine Texte sind hauptsächlich in italienischen Zeitungen und Zeitschriften erschienen.
  • I quindicimila passi, Vitaliano Trevisan (2002). Thomas zählt seine Schritte: es ist eine Obsession. Durch das Zählen füllt er eine Leere und bahnt sich seinen Weg durch die Industrieplage, die die bewaldeten Landschaften seiner Kindheit verschlungen hat. Schritt für Schritt nähert sich das Buch dem Zentrum von Vicenza und erzählt vom Versinken des Protagonisten in den Abgrund seiner Einsamkeit, wo er sich nur noch einer grausamen Wahrheit nähern kann.
  • Giallo Palladio, Umberto Matino (2022). Palladios Meisterwerk ist der Schauplatz des ersten abscheulichen Mordes in einer Mordserie, in der das Venetien zwischen Vicenza, Padua und Venedig, die Wiege der unsterblichen Architektur des Meisters, mit Blut besudelt wird. Zwischen Überraschungen und Geistesblitzen, verlorenen Zeichnungen und einsamen Villen arbeiten Kommissar Monturi und Stabsfeldwebel Piconese an ihrem Fall und versuchen dabei, das einer Bauarchitektur innewohnende Gleichgewicht zu finden.
  • L’oscura morte di Andrea Palladio, Matteo Strukul (2024). Weit weg vom goldenen Glanz der Renaissance erzählt dieser historische Thriller vom Leben des großen Architekten und seiner Familie. Der Leser wird in die dunkelsten Kapitel Vicenzas im 16. Jh., der Zeit blutiger Fehden, der drohenden Pest und der Inquisition katapultiert. Seite für Seite hebt der Autor die dramatische Architektur der Ereignisse hervor, die ein neues Licht auf das Geheimnis von Palladios Tod werfen.

Kinder- und Jugendliteratur:

  • Palladio e il segreto del volto, Elena Peduzzi, Andrea Oberosler (2023). Für Nina, Jamal und Lorenzo, die drei furchtlosen Hauptfiguren des Zyklus I misteri di Mercurio, ist es an der Zeit, in das Vicenza des Jahres 1560 katapultiert zu werden, um ein nur schwer zu lösendes Geheimnis zu lüften. Zwischen gefährlichen Schurken und großen Künstlern müssen die drei Detektive der Kunstgeschichte das verlorene Gesicht des größten Architekten der Renaissance retten.
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